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Nur, wo Werte sind, kann Sinn entstehen

 
 

 

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Werde Possibilist!

 

Foto von Jack Young auf Unsplash

 
 

Werde Possibilist. Weder Pessimist noch Optimist. Sieh die Grenzen der Gegenwart klar – und suche trotzdem nach dem, was noch möglich ist. Verabschiede die Gegenwartsbesoffenheit: den Blick, der nur registriert, was heute schon geht. Trainiere stattdessen Imaginationskompetenz. Schaffe die Strukturen, die die wenigen verbleibenden Einflussmöglichkeiten nutzbar machen. 

Possibilisten machen die Zukunft, die andere nur beschwören oder abschreiben. 

Das klingt zunächst nach einer weiteren Einladung zu mehr Zuversicht, wie sie in unsicheren Zeiten gern ausgesprochen wird. Darum geht es nicht: nicht um ein freundlicheres Gefühl angesichts einer schwierigen Wirklichkeit, nicht um einen rosaroten Blick, nicht um die Behauptung, am Ende werde schon alles gut.  

Possibilismus beginnt mit der Zumutung, die Wirklichkeit wahrzunehmen – und endet mit der Entscheidung, sich von ihr nicht überwältigen zu lassen. 

Zwischen Schreck und Chance 

Selbstbetrug ist keine Option mehr. Wir kennen die ökologischen, sozialen, technologischen und politischen Spannungen unserer Zeit zu genau. Manches lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Und viele Folgen unseres Handelns berechnen wir nicht im Voraus. 

Genau darin liegt die Chance: in der Spanne zwischen Schreck und Möglichkeit. 

  • Der Pessimist sieht die Begrenzung und macht ein Urteil daraus: So geht es nicht weiter, also geht gar nichts mehr.  

  • Der Optimist überspringt dieselbe Begrenzung und hält am guten Ausgang fest, ohne die Bedingungen dafür ernst zu nehmen.  

  • Der Possibilist tut beides nicht. Er nimmt die Schatten wahr – und sucht gerade in ihnen nach dem Licht, das noch sichtbar werden kann. 

Hoffnung ist nicht genug 

Die spanische Mystikerin Teresa von Ávila verstand Hoffnung als Willen und Verpflichtung, nicht als passives Warten. Sie richtete sich auf eine Sache, bis daraus Ausdauer wurde. Das lässt sich auch losgelöst vom religiösen Kontext übertragen: Hoffnung wächst, sobald wir selbst an ihrer Herstellung mitwirken. 

Drei Schritte führen dorthin. 

Erstens: bessere Zukünfte vorstellen – und sie genau beschreiben 

Wer in der Krise nur registriert, was heute sichtbar ist, verwechselt die Gegenwart mit dem Ganzen. Zukunftsimagination sprengt diesen Rahmen. Sie fragt nicht nur nach dem Wahrscheinlichen, sondern nach dem Wünschenswerten – und danach, woran wir erkennen würden, dass es eingetreten ist. 

Ein Beispiel: eine Stadt mit wachsender Wohnungslosigkeit. Man kann daraus schließen, die Lage sei hoffnungslos. Man kann aber auch eine andere Stadt vor Augen haben – mit bezahlbarem Wohnraum, wirksamer Sozial-, Gesundheits- und Suchtversorgung, aufmerksamen Nachbarschaften und einer Verwaltung, die eingreift, bevor jemand auf der Straße landet. 

Entscheidend ist die Genauigkeit. Ein vages Bild einer besseren Welt bleibt Dekoration. Kraft gewinnt ein Zukunftsbild erst, wenn es benennt, welche Strukturen, Regeln, Kompetenzen und Beziehungen sich ändern müssten. „Mehr Menschlichkeit“ zu fordern reicht nicht – zeigen muss sich Menschlichkeit in Entscheidungen, Budgets, Verfahren und im Alltag. 

Strategie sagt die Zukunft also nicht voraus. Sie konstruiert mögliche Zukünfte in der Gegenwart und leitet daraus heutige Entscheidungen ab. Kontrollieren lässt sich die Zukunft nicht. Aber heutige Entscheidungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit bestimmter Entwicklungen – und senken die anderer. 

Zweitens: sich selbst als Handelnden vorstellen 

Wer sich eine bessere Zukunft ausmalt und es dabei belässt, bleibt Optimist – hoffnungsvoll, geschweige denn possibilistisch, wird daraus noch nichts. Politisch und persönlich relevant wird ein Zukunftsbild erst, wenn Menschen darin ihren eigenen Beitrag erkennen. 

Das beginnt oft klein: eine Schicht pro Woche in der Suppenküche, Einsatz im Stadtrat für Wohnraum, sichtbar machen, wie es wohnungslosen Menschen geht, oder schlicht einen Nachbarn nicht länger übersehen. Gefragt ist nicht die Fantasie vom unbesiegbaren Retter, sondern die Vorstellung eines begrenzten, plausiblen Beitrags. 

Der Possibilist überschätzt seinen Einfluss nicht – und unterschätzt ihn ebenso wenig. Er fragt: Wen erreiche ich? Welche Entscheidung kann ich beeinflussen? Welche Verbindung kann ich herstellen? Welchen kleinen Versuch kann ich ermöglichen? 

Drittens: handeln 

Vision und eigener Beitrag brauchen eine konkrete Handlung. Am besten startet man mit zwei, drei Versuchen gleichzeitig, denn die erste Idee erweist sich oft als unpraktikabel. 

Eine kleine Handlung wirkt angesichts der Größe des Problems schnell lächerlich. Das ist die Stimme der Hoffnungslosigkeit: Was soll das schon bewirken? Doch eine Handlung bemisst sich nicht nur an ihrer unmittelbaren Reichweite. Auch Liebe, Sorgfalt und Verbindlichkeit in der Ausführung verändern etwas – zuerst im Handelnden selbst, oft auch bei anderen. 

Die „kleine Weise“ der Karmelitin Thérèse von Lisieux bringt das auf den Punkt: Nicht die spektakuläre Tat zählt, sondern die Haltung dahinter. Der Mutter Teresa zugeschriebene Satz fasst es kurz: Nicht nach großen Dingen suchen, kleine Dinge mit großer Liebe tun. 

Das ist kein Plädoyer für Kleinmut, sondern gegen die Erlösungsfantasie. Possibilisten bauen keine Luftschlösser und warten auf keinen Retter. Sie beginnen mit einem realen Menschen, einer erreichbaren Entscheidung, einem überprüfbaren nächsten Schritt. 

Vom Problemraum in den Möglichkeitsraum 

Gründe für das Nichtstun gibt es genug: zu kompliziert, zu riskant, zu ungewiss, zu anstrengend. Das Denken im Modus „Geht nicht, weil …“ ist in vielen klassischen Organisationen beinahe kulturelles Erbe. Gegen diesen mächtigen Problemraum wirken Möglichkeitsräume oft wie verschlossene Abstellkammern. 

Possibilismus beginnt deshalb nicht mit einer weiteren leicht verdaulichen Best-Practice-Parole, sondern mit einem Zugang zur eigenen Kraft. „Tue Mögliches“ ist eines unserer Arbeitsprinzipien in der Wertefabrik heißt: Menschen grundsätzlich zutrauen, initiativ tätig zu werden und Verantwortung zu übernehmen – unabhängig von ihrer formalen Rolle. Was häufig fehlt, ist nicht die Fähigkeit, sondern der Zugang dazu: geistig, körperlich, emotional und sozial. Findet sich dieser Zugang, entsteht Bewegungsenergie. Aus ihr kann Selbstwirksamkeit werden. 

Dafür braucht es eine einfache, aber anspruchsvolle Grundhaltung: safe enough to try. Der erste Schritt muss nicht risikofrei sein, nur sicher genug, um ihn zu wagen. Die passende Frage lautet nicht: „Wie beseitigen wir alle Unsicherheiten?“ Sondern: „Was brauchst du, um anzufangen?“ 

Diese Frage verschiebt die Aufmerksamkeit. Sie verlangt weder blinden Mut noch die perfekte Vorbereitung, sondern sucht einen nächsten Schritt, der so einfach wie möglich – aber nicht einfacher – und so herausfordernd wie nötig ist: ein Gespräch, ein Prototyp, ein begrenzter Versuch, eine konkrete Zusage. Die ganze Lösung muss am Anfang nicht sichtbar sein. Es genügt, einen Anfang zu ermöglichen, der Lernen erlaubt. 

Die Zukunft ist unbekannt – gerade deshalb müssen wir entscheiden 

Systemtheoretisch betrachtet sind Entscheidungen nur möglich, weil die Zukunft unbekannt ist. Wäre sie bekannt, müssten wir nicht entscheiden, sondern nur ausführen. Jede Entscheidung ersetzt ein Stück fehlender Information durch eine Festlegung – sie tut so, als wüssten wir mehr, als wir tatsächlich wissen, und übernimmt gerade darin Verantwortung. Das ist keine Schwäche von Entscheidungen, sondern ihre Bedingung. 

Verantwortlich handeln heißt nicht, über vollständige Informationen zu verfügen. Es heißt, vorhandene Bruchstücke zu einer begründeten Antwort zusammenzufügen und ihr Risiko nicht zu leugnen. 

Für den Possibilisten folgt daraus eine doppelte Aufgabe: den Möglichkeitsraum öffnen, bevor er ihn schließt, weitere Perspektiven, Informationen und Alternativen zulassen – aber nicht endlos darin stecken bleiben. Irgendwann müssen Entscheidungen fallen, Ressourcen sich binden, Wege beginnen. 

Wer alles offenhalten will, verhindert Wirklichkeit. Wer zu früh schließt, verwechselt die erste brauchbare Lösung mit der einzigen möglichen. Zukunftsimaginationskompetenz heißt deshalb auch: den richtigen Rhythmus zwischen Öffnen und Schließen finden. Manche Entscheidungen lassen sich leicht korrigieren, andere legen künftige Möglichkeiten über Jahrzehnte fest. 

Think big. Act small. 

Possibilisten wollen nicht die gesamte Welt auf einmal verändern. Sie legen Versuchsgärten an. Bevor ein Unternehmen eine neue Kultur überall ausruft, probiert es in einem begrenzten Bereich aus, wie das Neue praktisch funktioniert. Unter geschützten Bedingungen lassen sich neue Entscheidungswege, Formen der Zusammenarbeit oder Angebote erproben. Fehler gelten dabei nicht als Schuldbeweis, sondern als Lernmaterial. 

Das ist kein Rückzug aus der Verantwortung, im Gegenteil: Ein Experiment ist eine verantwortete Form des Risikos. Es begrenzt mögliche Schäden, erzeugt konkrete Erfahrung und schafft die Grundlage für die nächste Entscheidung. 

In solchen Räumen entsteht aus Unsicherheit nicht Sicherheit, sondern Lernfähigkeit. Rückkopplungsschleifen bilden sich: ausprobieren, beobachten, bilanzieren, anpassen. Das Neue muss nicht nur gedacht, sondern wiederholt getan werden, bis daraus Praxis wird. 

Komplexe Arbeit ist immer auch Lernen – deshalb darf Lernen nicht als Seminar neben dem eigentlichen Geschäft stattfinden, sondern gehört in die realen Aufgaben, Beziehungen und Entscheidungen hinein. Kultur entsteht nicht durch Leitbildsätze, sondern dadurch, dass Menschen neue Formen gemeinsam erleben, einüben und weitergeben. 

Der Possibilist denkt daher in Strukturen des Lernens: 

  • Wo lässt sich etwas sicher genug ausprobieren? 

  • Wer darf eine neue Möglichkeit einbringen? 

  • Wie werden abweichende Perspektiven sichtbar? 

  • Wie wird aus einem Versuch eine belastbare Entscheidung? 

  • Wie übersetzt sich das Gelernte in Routinen, Rollen und Regeln? 

Die Gegenwart gut versorgen 

„The best way to take care of the future is to take care of the present moment“, wird Thich Nhat Hanh zugeschrieben. Der Satz korrigiert jede Zukunftsbegeisterung: Wir schützen die Zukunft nicht, indem wir sie ständig beschwören, sondern indem wir die Gegenwart anders behandeln. 

Wie wir heute mit Menschen umgehen, welche Kompetenzen wir fördern, welche Beziehungen wir pflegen, welche Technologien wir bauen und welche Abhängigkeiten wir eingehen – all das entscheidet mit, welche Zukunft morgen noch möglich ist. Viktor Frankl drehte die übliche Frage um: Nicht was wir vom Leben noch erwarten dürfen, zählt, sondern was das Leben von uns erwartet. Leben heißt dann, Verantwortung für die richtige Antwort auf die Fragen des Lebens zu übernehmen. 

Der Possibilist fragt deshalb nicht nur, welche Zukunft er sich wünscht. Er fragt auch: Was verlangt diese Situation von mir? Welche Antwort kann ich geben? Welche Verantwortung liegt in meinem Einflussbereich? 

Sinn und Zuversicht verweben sich zu einem tragfähigen Lebensgefühl. Wer Sinn gefunden hat, muss nicht ständig guter Stimmung sein. Wer zuversichtlich ist, muss nicht glauben, dass alles gut ausgeht. Beide Haltungen zusammen ermöglichen ein engagiertes Leben in einer widersprüchlichen Welt. 

Die Welt gehört den Possibilisten 

Possibilisten glauben nicht an eine automatisch gute Zukunft. Sie wissen: Die Zukunft ist unsicher, widersprüchlich und begrenzt. Aber sie weigern sich, aus dieser Unsicherheit Alternativlosigkeit zu machen. 

Sie imaginieren mögliche Zukünfte, ohne sie mit Prognosen zu verwechseln. Sie beschreiben konkret, woran eine bessere Welt erkennbar wäre. Statt auf den allmächtigen Retter zu warten, suchen sie ihren eigenen, begrenzten Beitrag. Sie handeln, experimentieren, lernen – und verändern die Strukturen, die weiteres Handeln erst möglich machen. 

Nicht alles ist möglich, das wissen sie. Aber mehr, als die Gegenwart behauptet. 

Die Zukunft kommt nicht auf uns zu, sie entsteht aus dem, was wir heute unterscheiden, entscheiden, ermöglichen und üben. Weder mehr Optimismus noch mehr Untergangsrhetorik hilft uns weiter. Gebraucht werden Menschen, Organisationen und Institutionen, die Möglichkeiten erkennen, bevor sie selbstverständlich sind – und die den Mut haben, ihnen eine reale Form zu geben. 

Die Welt braucht nicht die Schwarzseher und nicht die Schönredner. Sie braucht Possibilisten: Ermöglicher. 

 
 
 

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