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Organisationale Resilienz: Wie Unternehmen durch werteorientierte Organisationsgestaltung zukunftsfähig bleiben

 

Foto von Alex Shute auf Unsplash

 
 

Resilienz ist mehr als Krisenmanagement – sie entsteht dort, wo Führungskräfte wertebasierte Orientierung mit struktureller Flexibilität verbinden. Sie beschreibt die Fähigkeit einer Organisation, Störungen zu absorbieren, sich anzupassen und gestärkt daraus hervorzugehen. Doch wie entsteht diese Fähigkeit? Nicht durch Pläne allein, sondern durch die Art, wie eine Organisation sich selbst versteht, ihre Umwelt wahrnimmt und Entscheidungen trifft. 

Fritz B. Simon formuliert es prägnant: „Organisationen können sich nur verändern, wenn sie sich selbst beschreiben können." Diese Selbstbeschreibung – das kollektive Verständnis von Identität, Zweck und Handlungslogik – ist der Ausgangspunkt für Anpassungsfähigkeit. Doch was genau meint „sich selbst beschreiben"? Es beginnt damit, wie eine Organisation ihre Wirklichkeit konstruiert. 

Die konstruierte Wirklichkeit: Wahrnehmung als Filter 

Organisationen nehmen ihre Umwelt nicht objektiv wahr, sondern durch Filter: Erfahrungen, Narrative, etablierte Deutungsmuster. Diese Konsensrealität bestimmt, was als relevant gilt, welche Signale Aufmerksamkeit erhalten und welche ignoriert werden. 

Ein Technologieunternehmen, das sich als „Innovationsführer" versteht, wird Marktveränderungen anders interpretieren als ein Unternehmen, das sich als „Qualitätsgarant" positioniert. Dieselbe Information – etwa ein neuer Wettbewerber – löst unterschiedliche Reaktionen aus. Die Frage ist nicht, ob die Wahrnehmung „richtig" ist, sondern ob sie der Organisation ermöglicht, angemessen zu handeln. 

Führung bedeutet hier, Konsensrealität bewusst zu gestalten. Welche Geschichten erzählen wir uns? Welche Annahmen hinterfragen wir nicht mehr? Resilienz beginnt mit der Fähigkeit, die eigenen Wahrnehmungsfilter zu reflektieren und bei Bedarf anzupassen. Diese Reflexionsfähigkeit wird besonders wichtig, wenn wir uns der Frage zuwenden, wie Organisationen mit Unsicherheit umgehen – und wem sie Verantwortung zurechnen. 

Verantwortung oder Schicksal: Die Zurechnung von Ereignissen 

Niklas Luhmann unterscheidet zwischen Risiko und Gefahr. Risiko bezeichnet die Folgen eigener Entscheidungen: „Wir haben in Technologie X investiert – wenn sie scheitert, tragen wir die Konsequenzen." Gefahr hingegen beschreibt externe Bedrohungen: „Ein Lieferant fällt aus – das konnten wir nicht vorhersehen." 

Diese Unterscheidung ist keineswegs trivial. Resiliente Organisationen neigen dazu, Ereignisse als Risiko zu rahmen: Sie übernehmen Verantwortung, lernen aus Fehlern und passen Strategien an. Wer Risiken aktiv gestaltet, braucht einen wertebasierten Kompass, der Entscheidungen auch unter Druck legitimiert. 

Organisationen, die alles als Gefahr deuten, externalisieren Verantwortung und bleiben reaktiv. Die Frage „Wie sprechen wir über Rückschläge?" ist damit eine Frage nach der Lernfähigkeit: Handelt es sich um eine „unvorhersehbare Krise" oder um ein „Lernfeld aus unseren Entscheidungen"? 

Diese Zurechnung ist eng verbunden mit der Frage, wie Organisationen ihre Struktur gestalten. Denn die Art und Weise, wie wir Verantwortung verteilen, spiegelt sich in unserer organisationalen Architektur wider. 
  

Stabilität durch Modularität: Der innere Kern und die flexible Peripherie 

Herbert Simon illustriert das Prinzip der Modularität mit der Parabel von Hora und Tempus, zwei Uhrmachern. Tempus baut Uhren aus 1.000 Einzelteilen in einem Stück. Jede Unterbrechung zerstört den gesamten Fortschritt. Hora hingegen baut Uhren aus 10 Modulen à 10 Teilen. Unterbrechungen setzen nur ein Modul zurück. Hora ist 100-mal produktiver – nicht wegen besserer Technik, sondern wegen Modularität. 

Andrew Zolli und Ann Marie Healy übertragen dieses Prinzip auf Organisationen: „Innen einfach, außen vielfältig." Ein stabiler Kern – klare Identität, Grundprinzipien, Entscheidungslogik – gibt Orientierung, auch wenn außen Turbulenzen herrschen. Die Peripherie bleibt flexibel: dezentrale Entscheidungen, Experimentierräume, anpassungsfähige Strukturen. So kann sich die Organisation verändern, ohne ihre Identität zu gefährden. 

Ein Familienunternehmen etwa definiert seinen Kern über Langfristigkeit, Vertrauen und Qualität. Diese Prinzipien bleiben stabil. Die Geschäftsmodelle, Märkte und Produkte variieren – aber immer im Einklang mit dem Kern. Ohne diese Klarheit wird jede Veränderung zur Identitätskrise, weil nicht mehr erkennbar ist, was Anpassung und was Selbstaufgabe bedeutet. 

Die zentrale Führungsaufgabe besteht darin, den Kern explizit zu machen: Was ist nicht verhandelbar? Was darf – und muss – sich ändern? Diese Unterscheidung ermöglicht erst jene selektive Aufmerksamkeit, die Organisationen brauchen, um in komplexen Umwelten handlungsfähig zu bleiben. 

Aufmerksamkeit als knappe Ressource: Was beobachten wir – und was übersehen wir? 

Der ehemalige Dekan der Harvard Business School, Nitin Nohria schlägt vor, Ereignisse anhand zweier Dimensionen zu unterscheiden: 

  • Welche Bedeutung haben sie jetzt? 

  • Welche Bedeutung haben sie im Zeitverlauf? 

Daraus ergeben sich vier Kategorien – jede verlangt eine andere Reaktion: 

1️⃣ Grundrauschen (klein → klein) Kleine Probleme, die klein bleiben. → Sich nicht hineinziehen lassen. Bewusst ignorieren. 

2️⃣ Fanfarenklänge (groß → groß) Größere Probleme, die groß bleiben. → Geben Sie alles. Volle Aufmerksamkeit, alle Ressourcen. 

3️⃣ Sirenengesang (groß → klein) Größere Probleme, die mit der Zeit kleiner werden. → Nicht überreagieren. Beobachten und abwarten. 

4️⃣ Warngeflüster (klein → groß) Kleine Probleme, die groß werden könnten.  

→ Im Keim ersticken. Die gefährlichste Kategorie. 

⚠️ DIE GEFAHR DES WARNGEFLÜSTERS  

Warngeflüster ist tückisch. Es beginnt leise: Ein neuer Wettbewerber. Gerüchte über unzufriedene Mitarbeiter. Ein neues Gesetz mit unklaren Folgen. Leicht abzutun. Bis es zu spät ist. Nicht jedes Warngeflüster verdient volle Aufmerksamkeit. Aber erfolgreiche Führungskräfte können beurteilen, welche kleinen Probleme zu echten Krisen werden. 

Schwache Signale werden oft überhört. Resiliente Organisationen schaffen deshalb Formate, die dieses „Warngeflüster" sichtbar machen: Sounding Boards, kleine Gruppen, die gezielt Außenperspektiven einbringen. Pre-Mortem-Workshops, in denen gefragt wird: „Angenommen, unser Projekt scheitert – warum?" Oder Randbeobachter, Mitarbeitende, die bewusst Trends außerhalb des Kerngeschäfts verfolgen. Solche Formate sind keine Selbstverständlichkeit. Sie setzen voraus, dass eine Organisation bewusst Redundanzen einbaut – Kapazitäten, die nicht der unmittelbaren Wertschöpfung dienen, aber die Wahrnehmungsfähigkeit erhöhen. Das verweist auf eine grundlegende Frage: Wer steuert diese Aufmerksamkeit? Und wie verhindern wir, dass sie allein von Einzelpersonen abhängt? 

Systeme statt Helden: Clock-Building als Führungsprinzip 

Jerry Porras und Jim Collins unterscheiden zwischen Time-Telling und Clock-Building.  

  • Time-Telling beschreibt charismatische Führung, die den richtigen Moment erkennt und die Richtung vorgibt. 

  • Clock-Building hingegen meint das Schaffen von Systemen, die unabhängig von Einzelpersonen funktionieren. 

Resiliente Organisationen bauen Uhren. Sie entwickeln Strukturen, Prozesse und Kulturen, die Anpassungsfähigkeit ermöglichen – auch wenn die Gründerin geht, der Markt sich dreht oder die Strategie scheitert. Ein Unternehmen, das Entscheidungskompetenzen dezentralisiert, Fehlerkultur fördert und Lernschleifen institutionalisiert, ist resilienter als eines, das auf den „rettenden Einfall" der Geschäftsführung wartet. 

Institutionen, die auf geteilten Werten statt auf Einzelpersonen basieren, überdauern Führungswechsel. Clock-Building bedeutet nicht, Führung abzuschaffen – im Gegenteil. Es verlangt eine andere Form von Führung: nicht die beste Entscheidung zu treffen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen gute Entscheidungen wahrscheinlich werden. Diese Bedingungen umfassen Wahrnehmungsfilter (Konsensrealität), Zurechnungsmuster (Risiko vs. Gefahr), Strukturprinzipien (Modularität) und Aufmerksamkeitssteuerung. Alle diese Elemente greifen ineinander – und alle sind gestaltbar. 

Resilienz als organisationale Praxis 

Resilienz entsteht nicht durch Zufall, sondern durch bewusste Gestaltung: Werte geben Orientierung, Modularität schafft Flexibilität, Aufmerksamkeitssteuerung ermöglicht Anpassung. Führungskräfte, die diese Elemente verbinden, bauen Organisationen, die Krisen nicht nur überstehen – sondern daran wachsen.