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Inspiration

Nur, wo Werte sind, kann Sinn entstehen

 
 

 

Blogbeiträge

Paul Watzlawick und die Konstruktion von Wirklichkeit

 
 
 

Ein maßgeblicher Wegbereiter der systemischen Therapie und Beratung ist Paul Watzlawick. Ohne seine verständlichen, anregenden Texte und Gedanken, die von der Palo Alto Gruppe um Gregory Bateson beeinflusst waren, hätte der systemische Ansatz im deutschsprachigen Raum wahrscheinlich nicht seinen heutigen Stellenwert erreicht. 

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?  

Watzlawick war ein Vertreter des radikalen Konstruktivismus und ist für seine Arbeiten zur menschlichen Kommunikation besonders bekannt. Ihm wurde im Laufe seines Lebens die Subjektivität der Wirklichkeit durch seine Stationen in vielen verschiedenen Ländern und Kulturen deutlich. Er lieferte bedeutsame Perspektiven auf das Verständnis von „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“. Hier unterschied er: 

  1. Die Wirklichkeit 1. Ordnung – Die Wirklichkeit wie sie uns durch unsere Sinne und das zentrale Nervensystem vermittelt werden.

    Zum Beispiel das visuelle Wahrnehmen eines (roten) Lichts. 

  2. Die Wirklichkeit 2. Ordnung – Bedeutungen, Sinn und Werte, die der 1. Ordnung zugeschrieben werden.

    Die Kenntnis, dass derartiges Licht im Deutschen als „rot“ bezeichnet wird und in bestimmten Kontexten zum „stehen bleiben“ auffordert 

Wirklichkeit ist damit nicht nur „da draußen“, sondern wird im menschlichen Miteinander durch Kommunikation konstruiert. Denn Wirklichkeit 1. Ordnung steht niemals isoliert, sondern wird durch Bedeutungszuschreibungen vermittelt wahrgenommen. Wahrheit kann es damit nur dort geben, wo Menschen sich auf eine spezifische Wirklichkeit 2. Ordnung geeinigt haben. Ob sie damit richtiger liegen als Personen mit anderen Wirklichkeitskonstruktionen bleibt unbestimmbar. Ob dasselbe Glas nun „wirklich“ halbvoll oder halbleer ist, bleibt abhängig von den individuellen Bewertungs- und Deutungsmustern. 

Paul Watzlawick hat in diesem Zusammenhang die sich selbst erfüllenden Prophezeiung definiert: „Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ist eine Annahme oder Voraussage, die rein aus der Tatsache heraus, dass sie gemacht wurde, das angenommene, erwartete oder vorhergesagte Ereignis zur Wirklichkeit werden lässt und so ihre eigene 'Richtigkeit' bestätigt." 

Organisationen reagieren nicht auf Realität – sondern auf geteilte Deutungen davon 

Organisationen navigieren jeden Tag durch Veränderungen, Prognosen und unterschiedliche Erwartungshaltungen. Nach Watzlawick reagieren Organisationen hierbei nicht auf „Fakten“, sondern auf ihre Interpretationen, Bedeutungen und geteilte Zuschreibungen dieser Informationen, die im sozialen Miteinander entstehen. Was als Realität erfahren wird, ist ein Produkt gemeinsamer Beobachtungs- und Verständigungsprozesse

Dies geschieht in Meetings, Projektbesprechungen und Strategiepapieren – überall dort, wo Menschen ihre Wahrnehmungen austauschen. Was als „wahr“ gilt, wird erst im Prozess der Kommunikation zu einem gemeinsam validierten Deutungsmuster
 

Es könnte auch anders sein 

In Organisationen heißt das: Wirklichkeit ist nicht determiniert – sie hängt davon ab, wie kommuniziert, beobachtet und ausgewählt wird, was wichtig ist. Hieraus entstehen Konsensrealitäten, geteilte Deutungen über Umwelt, Herausforderungen, Prioritäten und „wie wir hier die Welt sehen“. 

Beispiele: 

  • „Unser Markt ist gesättigt.“ 

  • „Kund*innen erwarten schnelle Reaktionszeiten.“ 

  • „Innovation ist der Treiber unseres Erfolges.“ 

Solche Aussagen sind Arbeitsvereinbarungen über Bedeutungen. Sie lenken Energie, Ressourcen und Erwartungen. Gleichzeitig schließen sie bestimmte Alternativen oft aus, ohne dass dies bewusst wird.  

Organisationsentwicklung und Führung 

Führung kann sich dieser Ordnungen bewusstwerden.  

  • Strategiedialoge bewusst entfalten 

Welche Annahmen liegen unserer Strategie zugrunde? 
Welche alternativen Deutungen wurden bisher nicht eingebracht?
 

  • Kommunikation als Wirklichkeitsarbeit 

Welche Narrative etablieren wir? 
Welche Erwartungen stabilisieren wir damit – und welche blenden wir aus?
 

  • Konsensrealitäten der Team- und Führungskultur  

Wie sprechen wir über Erfolg und Misserfolg? 
Was gilt als „normal“ in unserem Umgang miteinander?
 

Frei nach Watzlawick ist ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung von Organisationen Wirklichkeitskonstruktionen bewusst zu machen und hinsichtlich ihrer Nützlichkeit zu prüfen.  

„[…] Mir ist in diesem Zusammenhang Heinz von Försters ethischer Imperativ sehr wichtig. Er lautet: „Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen.“  

(aus Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns, Paul Watzlawick) 

 
Niels HemmisVIP