Erich Fromm und der Sozialcharakter – Wie Organisationen das Menschsein in der Arbeit prägen
Von Müller-May / Rainer Funk, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43921778
Wer längere Zeit in einer Organisation arbeitet, macht häufig eine interessante Erfahrung: Arbeit verändert Menschen. Nicht nur in dem, was sie tun, sondern auch darin, wie sie entscheiden, wie sie mit anderen umgehen und wie sie über sich selbst denken.
In manchen Organisationen entwickeln Menschen im Laufe der Zeit einen eher vorsichtigen Entscheidungsstil. In anderen wird Risikobereitschaft fast selbstverständlich. Manche Arbeitsumfelder fördern Konkurrenz, andere Zusammenarbeit. Und nicht selten prägt die Arbeit auch das Selbstverständnis, ob man sich eher als austauschbare Ressource erlebt oder als jemand, der einen sinnvollen Beitrag leisten kann.
Organisationen strukturieren also nicht nur Aufgaben, Rollen und Prozesse. Sie prägen auch Haltungen, Erwartungen und Selbstbilder, die Menschen im Laufe ihres Arbeitslebens entwickeln. Der Psychologe und Humanist Erich Fromm hat diesen Zusammenhang bereits früh beschrieben. Ein zentrales Konzept in seinem Werk ist der sogenannte Sozialcharakter.
Fromm ging davon aus, dass sich menschlicher Charakter nicht unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen entwickelt. Vielmehr entsteht er im Zusammenspiel mit den sozialen und wirtschaftlichen Strukturen, in denen Menschen leben.
Der Sozialcharakter – wenn gesellschaftliche Strukturen Verhalten formen
Mit dem Begriff Sozialcharakter beschreibt Fromm typische Charakterorientierungen, die sich innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe herausbilden. Gesellschaft und Individuum stehen sich dabei nicht gegenüber. Vielmehr spiegelt der Einzelne durch sein Verhalten zugleich die gesellschaftlichen Bedingungen wider, in Wechselwirkung mit seinen individuellen Eigenschaften.
Der Sozialcharakter entsteht dort, wo wirtschaftliche, kulturelle und soziale Rahmenbedingungen bestimmte Formen des Handelns begünstigen. Menschen entwickeln dann Haltungen und Gewohnheiten, die zu den bestehenden Strukturen passen.
Fromm formulierte dies sinngemäß zugespitzt: Eine Gesellschaft formt ihre Mitglieder so, dass sie den Wunsch entwickeln, das zu tun, was sie tun sollen, damit die Gesellschaft funktioniert. Der Sozialcharakter bildet damit eine Verbindung zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und individuellem Verhalten.
Arbeit als prägender sozialer Kontext
Organisationen sind soziale Systeme. In ihnen entstehen Erwartungen, Rollen und Normen, die das Verhalten von Menschen beeinflussen. Damit wirken Organisationen immer auch an der Ausbildung bestimmter Charakterorientierungen mit. Arbeit beeinflusst nicht nur, was Menschen tun, sondern auch, wie sie ihr Verhältnis zur Arbeit und zu anderen Menschen gestalten.
Fromms Werk ist stark vom Humanismus geprägt. Für ihn ist der Mensch ein grundsätzlich soziales Wesen, das sich in Beziehung zu anderen entfaltet. Arbeit ist demnach mehr als Erwerbstätigkeit, sie ist eine zentrale soziale Erfahrung. Hier entstehen Anerkennung, Verantwortung, Konflikt und Zusammenarbeit.
In seinem Werk unterscheidet Fromm zudem zwischen zwei grundlegenden Lebensorientierungen, der Haben-Orientierung und der Sein-Orientierung. Während die Haben-Orientierung stärker auf Besitz, Kontrolle und Absicherung ausgerichtet ist, betont die Sein-Orientierung Beziehungen, Kreativität und lebendiges Tätigsein.
Vor diesem Hintergrund stellt sich auch für Organisationen eine grundlegende Frage:
Unter welchen Bedingungen können Menschen ihre Arbeit so erleben, dass sie sich als soziale und kreative Wesen entfalten?
Bedeutung für Führung und Organisationsentwicklung
Aus Fromms Perspektive lässt sich menschliches Verhalten nicht isoliert verändern. Entscheidend sind die Bedingungen, unter denen Menschen handeln. Wenn Organisationen Verantwortung, Kooperation oder Kreativität erwarten, müssen sie Strukturen schaffen, die genau diese Formen des Handelns ermöglichen. Kultur, Anreizsysteme, Entscheidungsräume und Formen der Zusammenarbeit spielen dabei eine zentrale Rolle.
Fromms Werk erinnert daran, dass Arbeit immer auch den Charakter der Menschen prägt, die sie leisten. Organisationen beeinflussen damit, wie Menschen denken, handeln und miteinander umgehen. Gerade deshalb lohnt sich eine grundlegende Frage für Organisationen:
Welche Art von Menschsein begünstigen unsere Strukturen?