Semco, die demokratischste Firma der Welt

von Yassin Mahr

Als Ricardo Semler die Firma Semco von seinem Vater übernahm, stand sie kurz vor dem Bankrott. Bereits am ersten Tag als CEO setzte er zweidrittel des Managements vor die Tür. Der damals 24-Jährige schlug den Weg der radikalen Veränderung ein. Konservatives Management wurde weitestgehend durch demokratische Prozesse ersetzt – und das mit großem Erfolg. Der Umsatz des Maschinenbau-Unternehmens konnte innerhalb von 20 Jahren von 4 auf 212 Millionen Dollar gesteigert werden und Semco entwickelte sich zu einem der begehrtesten Arbeitgeber Brasiliens. Ricardo Semler gilt daher völlig zurecht als Pionier im Bereich der demokratischen Unternehmensorganisation. Auch wesentliche Aspekte der New Work-Bewegung werden bei Semco schon seit Jahrzehnten gelebt.

Photo by Edwin Andrade on Unsplash

 

Sie sind Erwachsene und keine Kinder!

Das drastische Umdenken führte zum Bruch mit fast allen gängigen Managementpraktiken. Allen voran wurde Kontrolle und Autorität von den Führungskräften auf die Mitarbeitenden umgelagert. Darüber sagt Semler: „Menschen werden in ihrem Privatleben als Erwachsene behandelt, in der Bank, in den Schulen ihrer Kinder, in ihren Familien und unter Freunden. Warum also werden sie gerade bei der Arbeit wie Kinder behandelt?“ Semler kritisiert, dass in der Regel Arbeitnehmern zu wenig (Eigen)Verantwortung zugetraut wird. Dazu sagt er: „Sollten wir wirklich annehmen, dass verantwortliche Erwachsene – egal ob besonders interessiert an ihrer Arbeit oder nicht, ihrer Firma gegenüber selbstverpflichtet oder nicht – einfach nicht am Arbeitsplatz aufkreuzen, nachdem sie versprochen haben, es zu tun? Das wäre ein trauriges Bild von der Menschheit.“

Daher werden Arbeitszeit- und Ort flexibel von jedem Einzelnen bestimmt – es zählen lediglich die Arbeitsergebnisse. Und was, wenn die Arbeit erledigt ist? Dazu sagte Semler in einem seiner bekannten Ted-Talks:Legen wir fest, dass Sie 57 Geräte pro Woche verkaufen. Wenn Sie sie bis Mittwoch verkaufen, gehen Sie bitte an den Strand.“ Anwesenheitskontrollen finden nicht statt und auch die Urlaubsplanung erfolgt lediglich in Abstimmung mit dem Team. Dazu sei gesagt, dass unter den 3.000 Mitarbeitenden nur zwei Personaler sind. Auch das Recruiting erfolgt direkt in den Teams. Schließlich soll jeder mitbestimmen können, mit wem zukünftig zusammengearbeitet wird. Und dies gilt für alle „Hierarchiestufen“, wobei anzumerken ist, dass die Hierarchien sehr flach sind und es weder Organigramme noch Stellenbeschreibungen gibt.

Eine weitere Besonderheit ist, dass die Auswahl der Führungskräfte den Teammitgliedern obliegt. Regelmäßig werden die Führungskräfte bewertet. Wer über einen längeren Zeitraum hinweg schlechte Bewertungen erhält, verlässt meist von selbst das Unternehmen. Auch das Gehalt kann jeder selbst bestimmen. Nun könnte man davon ausgehen, dass Semco exorbitant hohe Personalkosten hat. Dem ist aber nicht der Fall, da alle Informationen für jeden einsehbar sind. Transparenz wird bei Semco groß geschrieben, denn auch Information bedeutet Macht – und diese soll nicht bei einigen, wenigen Managern liegen.

 

Fehlt es grundsätzlich an Vertrauen?

Eine Frage, die vermutlichen vielen in den Sinn kommt, wenn von Unternehmen wie Semco oder Gore hört, könnte sein: Klingt zwar nett, aber wieso nehmen sich die wenigsten Unternehmen daran ein Beispiel? Diese Frage zu beantworten ist sicherlich nicht einfach, denn viele Faktoren werden eine Rolle spielen. Bestimmt würde es auch vielen Arbeitnehmern an Struktur und Sicherheit fehlen, welche in eher klassisch organisierten Unternehmen zu finden sind. Es könnte aber auch sein, dass das Management vieler Unternehmen den Mitarbeitenden zu wenig Eigenverantwortung und Selbstkontrolle zutraut – und auf der anderen Seite Macht und Kontrolle nicht abgeben möchte.

 

„Der Schlüssel zum Management ist, sich von Managern zu befreien. Der Schlüssel dazu, Arbeit zu erledigen, ist, aufzuhören, eine Uhr zu tragen. Der beste Weg, Unternehmensgewinn zu investieren, ist, ihn den Mitarbeitern zu geben. Der Zweck von Arbeit ist nicht, Geld zu verdienen. Der Sinn von Arbeit liegt darin, dass Mitarbeiter – gleich ob Aushilfe oder Topmanager – sich wohlfühlen im Leben.“ – Ricardo Semler.

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