No ranks, no titles!

von Yassin Mahr

Wasserdichte, wetterbeständige und atmungsaktive Outdoor-Kleidung – diese und ähnliche Assoziationen verknüpft wohl die Mehrheit mit der sogenannten Ingredient Brand „Gore-Tex“. Das weltweit agierende Unternehmen W. L. Gore & Associates zeichnet sich jedoch nicht nur durch diese widerstandsfähige Bekleidungsmembran aus. Im Bereich der Unternehmensorganisation macht Gore, welches regelmäßig in Arbeitgeberrankings Top-Platzierungen erhält, vieles anders als vergleichbar große Unternehmen.

Quelle: Holly Mandarich, unsplash.comQuelle: Holly Mandarich, unsplash.com

Etwa 9.500 Mitarbeiter in über 30 Nationen zählt das Unternehmen und mit einem Umsatz von 3,168 Mrd. US Dollar im Jahr 2017 und über 2.000 Patenten ist Gore der Weltmarktführer in der Verarbeitung von Polytetrafluorethylen, kurz PTFE, einem vielseitig einsetzbaren und robusten Kunststoff. Neben dem Gore-Tex-Gewebe gehören zum Produktportfolio unter anderem Kabelisolierungen, Implantate für plastische Chirurgie, künstliche Blutgefäße, Zahnseide sowie Gitarrensaiten.

Und die Besonderheit: bei W. L. Gore & Associates gibt es keine Hierarchien, Stellenbeschreibungen, Titel oder Chefs. Doch was genau hinter dieser äußerst agilen Form der Unternehmensorganisation steckt und was man unter Umständen davon lernen kann, erfahren Sie im folgenden Blogbeitrag.

Gründergeist und der Drang nach Veränderung

Gegründet wurde das Unternehmen 1958 vom Ehepaar Bill und Vieve Gore in deren Garage im US-Bundesstaat Delaware. Zuvor war Bill Gore bei dem Chemieunternehmen DuPont als Forscher tätig und erkannte früh, welches Potential in dem Kunststoff PTFE steckt. Seinen Arbeitgeber konnte Gore nicht von seiner Erkenntnis überzeugen. Außerdem fühlte er sich durch die interne Hierarchie bei DuPont gehemmt und entschloss daraufhin, in Eigenregie an PTFE weiterzuforschen und sich selbstständig zu machen. Abseits der chemischen Forschung hatte Bill Gore die Vision, eine Unternehmensorganisation zu etablieren, die Raum für Ideen und Kreativität schaffen sollte.

Die Gore-DNA – Raum für Ideen und Kreativität

„Mein Traum war es, ein Unternehmen mit großem Potenzial für alle zu schaffen, die dafür arbeiten. Eine starke Organisation, die persönliche Entfaltung fördert und die Fähigkeiten jedes Einzelnen zu einem Ganzen vervielfacht, das mehr ist als die Summe der einzelnen Teile.“ – schon 1961 hat Bill Gore seine Vision klar formuliert und umgesetzt.

Die Umsetzung der „Gore-DNA“ beginnt bereits mit der Benennung der Mitarbeiter, welche als „Associates“ bezeichnet werden. Jeder soll sich einbringen und das Unternehmen mit gestalten können.

Die Essenz der Unternehmenswerte sind in folgenden vier Leitsätzen festgehalten:

  • Freedom: Freiraum soll dazu verhelfen, Kompetenzen zu entwickeln, über die Verantwortungen und Aufgaben hinauszuwachsen und die gestellten Anforderungen zu übertreffen.
  • Fairness: Faires Verhalten gegenüber Kollegen, Lieferanten und Kunden soll die Bindung nach innen und außen stärken.
  • Commitment: Aufgaben werden freiwillig gewählt, nicht delegiert. Somit wird die Stärke und die intrinsische Motivation jedes einzelnen Associate genutzt, um eine bestmögliche Aufgabenerfüllung zu gewährleisten. Mit der Selbstverpflichtung geht aber natürlich auch Verantwortung einher.
  • Waterline: Bevor etwas „unter die Wasserlinie“ kommt und dem Unternehmen schaden könnte, sind die Associates dazu angehalten, Kollegen „mit ins Boot“ zu holen, um den möglichen Schaden abzuwenden. Ein offener Umgang auch mit schwierigen Situationen ist wichtig, da nicht nur Gewinne, sondern auch Verluste geteilt werde.

Eine der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale von anderen Unternehmen ist die Strukturbildung bei Gore. Betriebseinheiten teilen sich ab einer gewissen Größe und Zweigstellen entstehen. Gore hat die Überzeugung, dass die Stärke des Unternehmens in kleinen Teams liegt. Die Koordination der Teambildung erfolgt ohne Hierarchien, die Vernetzung und räumliche Nähe wird durch zwischenmenschliche Kommunikation sichergestellt. So können Teams innerhalb der Organisation lern- und entscheidungsfähig bleiben, sich stetig wandeln und sich somit den Gegebenheiten des Markts anpassen.

Teams entstehen abhängig vom Know-how der Associates und stets fallbasiert. Durch die kleine Teamgröße können schnell Entscheidungen getroffen werden und durch die kompetenzorientierte Zusammenstellung der Teams wird hochwertige Arbeit gewährleistet. Außerdem wird viel Raum für Innovation und Kreativität geschaffen, da sich die Belegschaft selbst organisiert und keine Weisungen von höheren Hierarchieebenen erfolgen. Durch das besonders hohe Maß an Agilität und dem hohen Commitment der Associates ist die Anpassungs- und Wettbewerbsfähigkeit von Gore langfristig sichergestellt.

Gore – Inspiration oder Utopie?

Sowohl der ökonomische Unternehmenserfolg als auch die Bestplatzierungen in Arbeitgeberrankings sprechen für Gore. Diese agile Unternehmensorganisation, welche frei von Hierarchien, starren Strukturen und festgelegten Zuständigkeiten ist ermöglicht, dass jeder einzelne Associate sein Potential bestmöglich ausschöpfen kann. Denn jeder Einzelne hat die kann und soll sich aktiv in die Gestaltung des Unternehmens einbringen und seine Stärken und Interessen nachgehen. Somit wurde ein Raum geschaffen, indem Innovation und Kreativität Platz zur Entfaltung hat. Mit dem Freiraum geht aber auch ein besonders großes Maß an vorausgesetztem Vertrauen auf Arbeitgeberseite und Verantwortung auf Arbeitnehmerseite einher. Für viele Beschäftigte könnten diese Arbeitsbedingungen abschreckend wirken, da sich viel klare, gleichbleibende Strukturen und Arbeitsinhalte wünschen. Aber auch diese Beschäftigte wünschen sich, dass man auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingeht. Und genau diese Unternehmensphilosophie hat Gore zu dem gemacht, was es heute ist.

Zurück

Blog via E-Mail abonnieren