Selbstorganisation mit 10.000 Mitarbeitern

von Christoph Bader

BUURTZORG ist ein ambulanter Krankenpflegedienst aus den Niederlanden mit ca. 10.000 Mitarbeitern. Frei übersetzt heisst Buurtzorg soviel wie Nachbarschaftshilfe. Und dieser Begriff beschreibt auch die Kernidee des Geschäftsmodells: Pflege und vor allem Hilfe zur Selbsthilfe mit enger Verbindung zum Pflegebedürftigen und zu dessen Umfeld. So, wie es fast nur ein sorgender Nachbar tun könnte.
 
 

Der Start und die Zielsetzung

Gründer Jos de Blok trat im Jahr 2007 mit vier Pflegekräften und seiner Version des mobilen Pflegedienst an. Zu dieser Zeit war das niederländische Pflege- und Gesundheitssystem genauso in der Kritik wie das Deutsche. De Blok hatte folgende Leitlinien für sein Unternehmen im Sinn:
  • So wenig Gesichter wie möglich für die Patienten
  • Maximal zwei Pflegekräfte für sämtliche Aktivitäten
  • Erreichbarkeit rund um die Uhr
  • Exzellenter Kenntnisstand in den Teams über die Patienten
  • Touren nur in dem jeweiligen Einzugsgebiet der Teams

Wie organisieren?

Wie organisiert man also einen mobilen Pflegedienst mit höchsten Qualitätsansprüchen auf einem schwierigen Markt so, dass er wirtschaftlich erfolgreich und langfristig stabil arbeitet? An dieser Stelle habe ich einige Aspekte des Buurtzorg-Organisationskonzeptes herausgegriffen, die aus meiner Sicht auch für traditionelle Organisationen interessant sind.
  • Kleine und weitgehend selbständig agierende Teams: Die Teamgröße richtet sich nach dem Patientenaufkommen im Einzugsgebiet und nach den Arbeitszeitwünschen der Mitarbeiter. Ein Team besteht aber max. aus 12 Fachkräften. Arbeitszeit wird flexibel unter Berücksichtigung der jeweiligen Lebenssituation der Teammitglieder und den Kundenanforderungen gestaltet. Wenn sich vier interessierte Pfleger zusammengefunden haben, kann es los gehen! Das neue Team bekommt eine Einführung durch einen externen Trainer (ca. 25 aktive Trainer bei ca. 950 zu betreuenden Teams) und die notwendige Ausstattung.
  • Selbstorganisation: Eigenständige Einsatzplanung, Gestaltung der Touren, Vertretungsregelung, Abrechnung, Dokumentation & Datenbankpflege, etc. direkt in den Teams. Hierfür erlernen die Mitarbeiter speziell entwickelte Meetingformate und Werkzeuge zur Entscheidungsfindung, damit die Selbstorganisation funktioniert.
  • Achtsame Kommunikation: Es gibt Grundregeln zur achtsamen Kommunikation auf die gesteigerten Wert gelegt wird und drei „Siebe“ durch die man seine Worte laufen lassen sollte. Das erste Sieb ist die Frage: Ist es wahr? Das zweite Sieb ist die Frage: Ist es notwendig? Das dritte Sieb ist die Frage: Ist es freundlich?
  • Wirtschaftliches Denken und Handeln: Eigenständig und selbstverantwortlich wird auf Zeiten und Termine geachtet, selbstverantwortlich entschieden und gehandelt. Aufgaben in den Teams sind breit aufgeteilt, um internen Hierarchien vorzubeugen.

Und was ist mit Strategie, Steuerung und Kontrolle?

Das ca. 10.000 Mitarbeiter starke Unternehmen hat auch eine „Zentrale“. Allerdings arbeiten dort nur ca. 50 Mitarbeiter, die die Verwaltung für sämtliche Pflegekräfte und deren Einsatz im ganzen Land leisten. Die Ideen, Strategieentwicklung und Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter finden über die BUURTZORG Community - eine exzellent aufgesetzte digitale Plattform - offene Ohren und oft eine erfolgreiche Umsetzung. Zusätzlich finden neben organisatorischen Teambesprechungen regelmäßig fachliche Beratungstreffen statt. Die Teammitglieder bewerten sich jährlich gegenseitig mit einem abgestimmten Kompetenzprofil. Wichtige Entscheidungen werden durch einfache Methoden der Entscheidungsfindung unterstützt, bei der alle zur Entscheidung stehenden Vorschläge gesammelt und begründet werden. In der Runde werden Einwände und Klärungsbedarf ausführlich erörtert und am Ende die Vorschläge angenommen, zu denen es keine prinzipiellen Einwände mehr gibt. Ziel ist dabei nicht der Konsens oder eine Entscheidung „Entweder – Oder“, sondern rasch zu praktikablen und durchdachten Lösungen zu kommen, die erprobt und umgesetzt werden können.
„Eine Geschichte kann uns zeigen, wie das in der Praxis möglich ist. Zwei Krankenschwestern bei Buurtzorg dachten darüber nach, dass sich alte Menschen bei einem Sturz oft den Hüftknochen brechen. Ein künstlicher Ersatz des Hüftknochens ist eine Routineoperation, aber die Patienten erreichen nachher oft nicht die gleiche Selbstständigkeit. Könnte Buurtzorg dazu beitragen, dass die älteren Patienten nicht stürzten? Die beiden Krankenschwestern experimentierten, in Partnerschaft mit einem Krankengymnasten und einer Ergotherapeutin aus der Nachbarschaft. Sie berieten die Patienten bei kleinen Veränderungen in ihrer Wohnungseinrichtung und einem Wandel der Gewohnheiten, die das Risiko eines Sturzes verringerten. Andere Teams zeigten Interesse und der Ansatz, der heute als Buurtzorg+ bezeichnet wird, hat sich im ganzen Land verbreitet. Die beiden Krankenschwestern spürten eine Notwendigkeit und durch die Macht der Selbstführung handelten sie danach.“ (Reinventing Organizations, S. 204)

Ergebnisse und Erfolge

Buurtzorg hat die höchste Patientenzufriedenheit im Vergleich zu seinen rund 300 Wettbewerbern und wurde bereits mehrmals zum „Attraktivsten Arbeitgeber in den Niederlanden“ gewählt. Inzwischen sind etwa zwei Drittel aller Pflegekräfte in den Niederlanden in einem Buurtzorg-Team.
Auch wirtschaftlich ist das Unternehmen extrem erfolgreich. Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young erzielt Buurtzorg Einsparungen von vierzig Prozent gegenüber herkömmlichen Pflegestrukturen und KPMG ermittelte 50 Prozent weniger Zeitaufwand, weil die Pfleger sich auf das wirklich Wesentliche konzentrieren können. Die Patienten bleiben so nur noch halb so lange in der Pflege und werden selbständiger.
 
Buurtzorg hat das Pflegesystem einer ganzen Nation revolutioniert. Die Organisation stellt Werte wie Menschlichkeit und Kooperation in den Vordergrund und liefert uns eine starke und ganzheitliche Inspiration für moderne Arbeitsorganisation.

Zurück

Blog via E-Mail abonnieren